Fuchsbandwurm: Risikofaktor Jagd
Fuchsbandwurm: Risikofaktor Jagd
Dag Frommhold, 2015

Larven des Fuchsbandwurms
(Bild: US Dep. of Health & Human Services)
Vor allem im Sden Deutschlands trgt ein betrchtlicher Teil der Fchse den Fuchsbandwurm als Darmparasiten in sich. Die Bandwurmeier, die sie mit dem Kot ausscheiden, knnen beim Menschen die sogenannte alveolre Echinokokkose verursachen, eine ernste Krankheit, die lebenslanger Behandlung bedarf. Was zunchst gefhrlich und unberechenbar klingt, ist in Wirklichkeit jedoch eine extrem seltene Erkrankung, vor der man sich mit einfachen Mitteln zuverlssig schtzen kann.
Dennoch schren einschlgige Medienberichte die Angst vor dem Fuchsbandwurm, nicht zuletzt als Resultat eifriger Pressearbeit der Jagdverbnde. Diese nutzen die latente Furcht der Brger von einer Infektion mit der Echninokokkose wiederum, um fr die Fuchsjagd zu werben nur durch die intensive Jagd auf den Fuchs, so argumentieren sie, knne man den Fuchsbandwurm eindmmen.
Kein Grund zur Panikmache
Dabei ist frappierend, wie schlecht selbst in vermeintlichen Fachkreisen zum Thema Fuchsbandwurm recherchiert wird. So schrieb die rzte Zeitung jngst, im Jahr 2015 seien bis zum August bereits 96 Erkrankungen am Fuchsbandwurm (sog. alveolre Echinokokkose) gemeldet worden. Tatschlich hatte man dabei aber Infektionen mit dem gut doppelt so hufigen Hundebandwurm (zystische Echninokokkose) flschlicherweise dem Fuchsbandwurm zugeschlagen. Wie die Meldedaten des Robert-Koch-Instituts in Berlin zeigen, lag die Zahl der Fuchsbandwurminfektionen dagegen auf hnlichem Niveau wie in den Vorjahren, in denen bundesweit jeweils etwas mehr als 30 Menschen erkrankten weit weniger brigens, als beispielsweise durch Jagdwaffen oder Blitzschlge zu Schaden kommen.
Jagdverbnde wie Jagdmedien witterten offensichtlich dennoch ihre Chance, Angst vor Fchsen zu schren und dadurch Rckendeckung fr die Fuchsjagd zu gewinnen. Gierig griffen sie die Meldung der rzte Zeitung auf und verbreiteten sie mit Schlagzeilen wie Fchse sind gefhrlich! (jagderleben.de) eifrig weiter, nicht ohne es zu versumen, auf die vermeintliche Notwendigkeit der Bejagung von Fchsen hinzuweisen.
Luxemburg: Kein Zusammenhang zwischen Jagdverbot und Befallsraten
Fchse: Opfer von Halbwissen
und Fehlinformation (Foto: Allison Balley)
Ganz hnliches hatte sich bereits einen Monat zuvor in Luxemburg abgespielt, wo Fchse derzeit aufgrund eines zunchst einjhrigen Jagdverbots vor Nachstellungen geschtzt sind. Seit Jahren liegen die Befallsraten luxemburgischer Fchse mit dem Fuchsbandwurm bei etwa 20-30%; ein Niveau, das etwas unterhalb jener der angrenzenden deutschen Bundeslnder liegt. Als die Untersuchung von 32 tot aufgefundenen Fchsen im Oktober jedoch ergab, dass 13 von ihnen Bandwrmer im Darm trugen eine Quote von etwa 40% - , war der luxemburgische Jagdverband schnell dabei, den Grund fr den Anstieg in der jagdlichen Schonung von Meister Reineke zu suchen. Die Meldung gab den gebetsmhlenhaft wiederholten Forderungen des luxemburgischen Jagdverbands nach einer umgehenden Aufhebung des Jagdverbots neuen Auftrieb.
Dass eine derart geringe Stichprobengre bei einem so niedrigen Unterschiedsniveau (zehn Prozentpunkte entsprechen etwa drei Tieren) berhaupt keine Aussage erlaubt und die Differenz mit betrchtlicher Wahrscheinlichkeit reiner Zufall ist, blieb dabei aber unerwhnt. Es besteht kein Grund zu der Annahme, dass die Befallsraten in Luxemburg sich anders entwickeln als in den benachbarten deutschen Bundeslndern, erlutert daher Felix Wildschutz, Direktor des luxemburgischen Veterinramts, gegenber fuechse.info. Es besteht auch keine Annahme, dass ein Zusammenhang zwischen dem Jagdverbot und den Befallsraten der Fchse existiert.
Fuchsjagd lsst das Infektionsrisiko fr Menschen ansteigen
Steigendes Infektionsrisiko durch
Fuchsbejagung? (Foto: Sandro&Bianka Pelli)
Tatschlich gibt es keinen einzigen Beleg fr die Hypothese, der Fuchsbandwurm knne durch intensivere Fuchsjagd zurckgedrngt werden. Wie sptestens die dramatischen Misserfolge bei der Tollwutbekmpfung in den 1960er und 70er Jahren eindrucksvoll gezeigt haben, lassen Fuchsbestnde sich groflchig nicht durch die Jagd reduzieren. Damals verfolgte man Fchse mit allen zur Verfgung stehenden Mitteln bis hin zur Vergasung ganzer Fuchsfamilien im Bau. Dennoch gab es nach zwanzig Jahren rigorosester Fuchsjagd mehr Fchse als je zuvor, und die Tollwut griff ungehindert weiter um sich. Fuchspopulationen reagieren auf intensive Bejagung nmlich mit steigenden Geburtenraten, wodurch auch hohe Verluste schnell wieder ausgeglichen werden.
Bereits bei der Tollwutbekmpfung erwies die Fuchsjagd sich jedoch nicht nur als wirkungslos, sondern sogar als kontraproduktiv. Zwar beeinflusst sie den Gesamtbestand nicht nachhaltig, fhrt durch die steigenden Geburtenraten aber zu einem hheren Anteil an Jungfchsen an der Gesamtpopulation. Da diese Jungfchse sich jedoch im Herbst ein eigenes Revier suchen und dabei oft viele Kilometer zurcklegen, sind sie es, die die Tollwut oft erst in neue Gebiete einschleppen. So ist es zu erklren, dass die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Tollwut sogar zunahm, bevor man die Seuche durch den flchendeckenden Abwurf von Impfkdern aus Flugzeugen schlielich besiegte.
Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass eine derartige kontraproduktive Wirkung der Jagd auch fr den Fuchsbandwurm gilt. So finden sich im Darmtrakt junger Fchse deutlich mehr ausgewachsene Exemplare des Fuchsbandwurms, als es bei lteren Tieren der Fall ist1,2,8. Im Laufe ihres Lebens entwickeln Fchse offensichtlich Abwehrmechanismen gegen den Parasiten. Dies lsst den Schluss zu, dass in bejagten Fuchsrevieren unter dem Strich mehr Eier des Fuchsbandwurms in die Umwelt abgegeben werden, weil dort der Anteil fr den Bandwurm empfnglicher Jungfchse hher ist. Das Infektionsrisiko fr Menschen steigt durch die Jagd also demnach an.
Einfache, aber wirkungsvolle Schutzmanahmen
Ganz davon abgesehen, dass eine Erkrankung an der alveolren Echinokokkose schon rein statistisch extrem unwahrscheinlich ist, kann man sich mit einfachen Manahmen davor schtzen. Die weitaus wichtigste davon ist, Hunde und Katzen regelmig zu entwurmen und im Umgang mit ihnen Hygiene zu wahren. Durch den Verzehr von Musen, die mit dem Bandwurm infiziert sind, knnen sie hnlich wie der Fuchs zu Ausscheidern von Fuchsbandwurmeiern werden. Experten gehen davon aus, dass der weitaus grte Teil der Infektionen mit alveolrer Echinokokkose auf das Konto unzureichend entwurmter Heimtiere geht.
Bodennah wachsende Waldbeeren sind anders, als es oft dargestellt wird als Infektionsquelle dagegen unbedeutend. Einerseits ist es extrem unwahrscheinlich, dass eine Beere jemals mit Fuchskot in Kontakt kommt und dann auch noch ungewaschen verzehrt wird, andererseits scheint nur eine Dauerexposition also der regelmige Kontakt mit Bandwurmeiern auch zu einer Infektion zu fhren. Immer mehr Epidemiologen zweifeln daher grundstzlich an, dass der Infektionsweg ber kontaminierte Pilze oder Waldfrchte berhaupt eine Rolle spielt. Wer sich dennoch unwohl fhlt, kann eventuelle Bandwurmeier durch das Erhitzen der Nahrung auf mindestens 60 Grad sicher abtten.
Zu guter Letzt ist es in Gebieten mit hoher Verbreitung des Fuchsbandwurms ratsam, sich nach der Gartenarbeit die Hnde zu waschen. Dadurch kann man verhindern, dass man eventuell an den Hnden haften gebliebene Fuchsbandwurmeier aufnimmt.
Kein Zusammenhang zwischen Befallsrate der Fchse und Infektionen beim Menschen
Fchse in Siedlungen:
Kein Gesundheitsrisiko
(Bild: Paul Cecil)
Interessanterweise scheint es jedoch nur wenig Zusammenhang zwischen der Befallsrate der Fchse mit dem Fuchsbandwurm und der Anzahl auftretender Echinokokkose-Erkrankungen beim Menschen zu geben. Die Forscher um den ungarischen Epidemiologen Srter stellten beispielsweise fest, dass trotz deutlich ansteigender Befallsraten der Fchse in den 1990er Jahren auch langfristig keine Zunahme an Echinokokkosefllen zu verzeichnen war9. Sie erklren diesen Umstand mit dem gewachsenen Hygienebewusstsein der Menschen, insbesondere im Umgang mit Haustieren.
Die regelrechte Hysterie, die der Fuchsbandwurm vielerorts auszulsen scheint, ist also ganz offensichtlich ungerechtfertigt. Zudem gibt es heutzutage Entwurmungskder, mit deren Hilfe das Auftreten des Fuchsbandwurms in Fuchspopulationen auf nahezu null reduziert werden kann3. Von 2003 bis 2007 wurden beispielsweise im Landkreis Starnberg Entwurmungskder verteilt. Waren 2003 noch 51% der Fchse mit dem Fuchsbandwurm infiziert, so sank diese Zahl im Jahr 2005 auf 42%, 2006 auf 12%, und im Mrz 2007 betrug die Befallsrate sogar nur noch 0,8%6,7. Auch hier gilt allerdings, dass die Fuchsjagd einen negativen Einfluss auf die Wirksamkeit der Bekderung hat. Da Jagddruck die Wanderbewegungen in Fuchspopulationen ansteigen lsst, erhht sie das Risiko, dass nicht entwumte Tiere von auen in das bekderte Areal eindringen und dabei den Bandwurm wieder einschleppen4. Dennoch gilt, dass von den erwhnten einfachen Vorsichtsmanahmen abgesehen die Entwurmung von Fchsen das einzig wirksame Mittel gegen den Fuchsbandwurm darstellt.
Jagd: Teil des Problems
Wer dagegen ob aus Unwissen oder verantwortungslosem Kalkl die Jagd als probates Mittel gegen den Fuchsbandwurm propagiert, muss sich vorwerfen lassen, nicht Teil der Lsung, sondern Teil des Problems zu sein. Immerhin deutet einiges darauf hin, dass die Jagd auf Meister Reineke die Verbreitung des Bandwurms sowie das Infektionsrisiko fr den Menschen sogar ansteigen lsst. Den Fuchsbandwurm zu instrumentalisieren, um die Fuchsjagd zu rechtfertigen, ist daher schlichtweg zynisch und gefhrdet im schlimmsten Fall sogar Menschenleben.
Literatur
  1. P. Deplazes, D. Hegglin, S. Gloor, T. Romig (2004): Wilderness in the city: the urbanization of Echinococcus multilocularis". TRENDS in Parasitology Vol.20 No.2
  2. D. Ewald, J. Eckert (1993): Verbreitung und Hufigkeit von Echinokokkus multilocularis bei Rotfchsen in der Nord-, Sd-, und Ostschweiz sowie im Frstenturm Liechtenstein. Zeitschrift fr Jagdwissenschaften, 39, 171-180
  3. D. Hegglin, P. Deplazes (2008): Control strategy for Echinococcus multilocularis. Emerg Infect Dis 14, 1626-1628
  4. D. Hegglin, P.I. Ward, P. Deplazes (2003): Anthelmintic Baiting of Foxes against Urban Contamination with Echinococcus multilocularis, Emerging Infection Diseases, 9(10)
  5. S. Hofer, S. Gloor, U. Mller, A. Mathis, D. Hegglin, P. Deplazes (2000), High prevalence of Echinococcus multilocularis in urban red foxes (Vulpes vulpes) and voles (Arvicola terrestris) in the city of Zrich, Switzerland. Parasitology, 120, 135-142
  6. A. Knig, T. Romig, C. Janko, R. Hildenbrand, E.A. Holzhofer, Y. Kotulski (2008): Integrated-baiting concept against E. multilocularis in foxes is successful in Southern Bavaria, Germany. European Journal of Wildlife Research 54, 439-447
  7. A. Knig, T. Romig (2007), Bericht an die Gemeinden des Landkreises Starnberg sowie die Gemeinden Neuried und Planegg ber das Projekt Kleiner Fuchsbandwurm im Bereich der Gemeinden im Landkreis Starnberg sowie den Gemeinden Neuried und Planegg im Landkreis Mnchen
  8. K. Tackmann, U. Loschner, H. Mix, C. Staubach, H.H. Thulke, F.J. Conraths (1998): Spatial distribution patterns of Echinococcus multilocularis (Leuckart 1863) (Cestoda: Cyclophyllidea: Taeniidae) among red foxes in an endemic focus in Brandenburg, Germany. Epidemiol Infect 120, 101-109
  9. T. Srter, Z. Szll, Z. Srter-Lancz, I. Varga (2004): Echinococcus multilocularis in Northern Hungary. Emerging Infectious Diseases, 10, 1344-1346