Artikel und Texte: Appell zur Anti-Jagddemo am 04.05.2002
Appell: Anti-Jagddemo am 04.05.2002 in Berlin
Copyright 2002 by Dag Frommhold

Dieser Ausspruch stammt nicht etwa von einem geistig verwirrten Insassen einer psychiatrischen Heilanstalt, sondern von einem Jger - nicht von irgendeinem Jger, sondern von Jos Ortega Y Gasset, dem wohl renommiertesten Jagdphilosophen berhaupt. Freude und Lust am Tten, am Beutemachen, sind Inhalte, die in praktisch jedem Jagdbericht, jeder Erzhlung heute wie frher zentrale Bedeutung haben. Wenn es jedoch um Diskussionen mit Nichtjgern geht, werden diese Triebfedern zur Verfolgung freilebender Tiere rasch unter den Teppich gekehrt. Mit Phrasen wie Jagd ist angewandter Naturschutz wird dann versucht, triebhaftes Handeln zu rationalisieren und das Tten von Tieren als etwas Notwendiges, Unverzichtbares darzustellen.
In Deutschland kommen jedes Jahr fnf bis sechs Millionen Wildtiere, ob Hirsch oder Kaninchen, ob Fuchs oder Marder, durch jgerische Flinten und Fallen zu Tode. Jagd ist in vielerlei Hinsicht ein tiefschrfender, zerstrerischer Eingriff in die Natur: Durch Winterftterungen, Biotopmanipulationen, durch das Aussetzen von Tieren einzig und allein zu Jagdzwecken sowie durch die gezielte Bevorzugung besonders prchtiger Trophentrger wird das natrliche Gleichgewicht vorstzlich demontiert.
Nein, Jagd ist keinesfalls kologisch notwendig, wie die Jagdlobby zur Rechtfertigung ihres Tuns immer wieder argumentiert. Eine solche These ist wissenschaftlich nicht haltbar und stellt allzu offensichtlich nur ein Feigenblatt dar, hinter dem sich ganz andere Motive fr die Jgerei verstecken. Es gibt zahllose Studien, die die Selbstregulationsfhigkeit der Natur auch in unserem vom Menschen dominierten Kulturland eindrucksvoll belegen.
Von derlei Gutachten wollen die allermeisten Jger jedoch nichts hren - kaum verwunderlich, wenn man sich deutlich macht, da diese wohl frher oder spter die Abschaffung jgerischer Triebbefriedigung mit kologischen Nebeneffekten zur Folge haben werden. Die Biologie der Jger ist simpel - sie folgt dem Ziel, mglichst prchtige Trophen und hohe Abschuzahlen zu erreichen. Man schiet sich kurzerhand die Natur nach Ntzlichkeitsprinzipien zurecht - und darunter haben insbesondere jene Tiere zu leiden, die zum Jger in Beutekonkurrenz treten. Vor allem gegen den Fuchs richteten und richten sich beispiellose Hetzkampagnen, und wir haben es nur der Anpassungsfhigkeit und Intelligenz Reinekes zu verdanken, da dieses schne Wildtier noch nicht wie zuvor Luchs und Wolf groflchig ausgerottet wurde. Als Niederwildschdling und Krankheitsbertrger diffamiert, gewhrt das Deutsche Jagdgesetz ihm nicht einmal eine Schonzeit; das ganze Jahr ber sind Fchse Freiwild.
Wer behauptet, es gbe zu viele Fchse oder Marder, ignoriert fahrlssig oder vorstzlich den aktuellen Stand der Wissenschaft. Prdatoren, also Beutegreifer, sind gerade auch in der heutigen Kulturlandschaft wichtig, um durch das Reien von kranken und schwachen Tieren ihre Beutetiere vor Seuchen und Nahrungsmangel zu schtzen. Und ber Gebhr knnen Beutegreifer sich ohnehin nicht vermehren soziale Regulationsmechanismen sorgen dafr, da der Bestand stets dem Lebensraum angemessen bleibt. Geburtenbeschrnkung statt Massenelend bezeichnete ein Wissenschaftler diese biologische Tatsache.
Whrend die einen Tiere erbarmungslos bekmpft werden, pppelt man die anderen nmlich Reh und Rothirsch mit Kraftfutter ber den Winter. Gelegentlich werden diesem Futter auch Medikamente zur Prophylaxe gegen Krankheiten und Parasiten beigemischt. Das Ziel ist klar: Je mehr Tiere den winterlichen Nahrungsengpa berleben, desto mehr Jagdbeute gibt es in der herbstlichen Jagdsaison und desto mehr Verbischden entstehen an jungen Bumen, womit man wieder das ideale Argument fr die Verfolgung der Tiere in der Hand hat. Ein jgerischer Teufelskreis, unter dem Natur und Tiere zu leiden haben.
Die rhetorisch geschickte, aber inhaltlich absurde Gleichsetzung von Jagd und Naturschutz ist letzten Endes nur eine Alibibehauptung, die dazu dienen soll, die alltglichen Grausamkeiten, den alltglichen Wahnsinn der Jagd zu kaschieren. Die gngigen, fr jedermann erhltlichen Jagdzeitschriften sind ein Spiegel dieses Tuns: So wird der Anblick eines angeschossenen, auf zerfetzten Hinterlufen verzweifelt rutschenden Hasen beilufig als unvermeidbare Erscheinung bei jeder Gesellschaftsjagd abgetan. Die Baujagd auf Fchse preist man als frische und frhliche Jagdart eine Jagdart, bei der Fuchs und Jagdhund sich oft erbitterte und blutige Kmpfe liefern, Jungsfchse vor den Augen ihrer Eltern vom Jagdhund zerfleischt werden, Fchse mit zangenhnlichen Folterinstrumenten fixiert und dann gettet werden. Keine Gnade fr den Konkurrenten Fuchs eine groe deutsche Jagdzeitung schrieb sogar einen Wettbewerb aus, um den besten Fuchstter zu ermitteln. Immer wieder wird auch vom besonderen Reiz der Nachsuche, der Verfolgung angeschossener, aber zunchst blutend entkommener Rehe oder Wildschweine, erzhlt, und die Verfolgung von Tieren whrend der Paarungszeit scheint fr deutsche Jger ebenfalls etwas ganz Besonderes zu sein. Selbst die gezielte Verfolgung angeblich wildernder Hunde und Katzen kommt nicht zu kurz wie der vom Deutschen Jagdschutz-Verband mehrfach ausgezeichnete Jagdautor Behnke herausstellt, mu ihnen als Geieln der Wildbahn unbeirrt der Krieg erklrt werden. Wundert es da, da Jahr fr Jahr mehrere Hunderttausend Katzen und Zehntausende von Hunden von Jgern erschossen werden?
In Anbetracht all dieser Fakten ist es offenkundig, was Jagd fr all die Tiere bedeutet, die der Mensch so arrogant und ignorant als "jagdbar" bezeichnet: stndige Angst und stndiger Stre; Jagd zerstrt Familiengemeinschaften und Tiergruppen, bringt Schmerz und Tod ber freilebende Tiere. Jagd ist kein bewaffneter Naturschutz im Gegenteil: Gewalt lst keine Probleme, am allerwenigsten kologische. Wer so vermessen ist, zu glauben, er knne sich die Natur mit Flinte und Falle nach seinem individuellen Wohlgefallen zurechtschieen, folgt naiven, pr-moralischen und anachronistischen Denkstrukturen, die in der modernen Welt nichts mehr zu suchen haben. Was heute gefragt ist, sind khle Kpfe, keine hitzigen, nervsen Zeigefinger an den Abzgen von Gewehren. Wir brauchen keine egozentrischen Waffentrger, deren nekrophiles Weltverstndnis den Genu der Natur nur durch Tten erlaubt, sondern Verstndnis und Achtung fr menschliches wie nicht-menschliches Leben.
Es wird hchste Zeit, da die Gesetzgebung auch hierzulande endlich dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand einerseits und dem Willen der Bevlkerungsmehrheit andererseits angepat wird. Reprsentativen Umfragen zufolge sprachen sich 1996 bereits mehr als 70% der Deutschen gegen die Jagd aus; bei den 18- bis 29jhrigen waren es sogar 84%. Die Abschaffung der Jagd ist eine Frage menschlicher Kultur, unser Verstndnis und unsere Behandlung der Tiere ein Gradmesser unserer Ethik. Oder, um noch einmal den eingangs erwhnten Jagdphilosophen Ortega zu zitieren:
Fernab davon, eine von der Vernunft gelenkte Verfolgung zu sein, kann man vielmehr sagen, da die grte Gefahr fr das Fortbestehen der Jagd die Vernunft ist.